25. November 2025 / Aus aller Welt

«Fatale Fehler» - Freispruch im Prozess um Tod von Hanna

2024 wurde ein junger Mann für den Mord an der Studentin Hanna verurteilt - jetzt ist er freigesprochen worden. Da kämpft selbst die Richterin mit den Tränen.

Der Angeklagte muss nach der Entscheidung des Gerichts für die bisherige Haft entschädigt werden. (Archivbild)
Veröffentlicht am 25. November 2025 um 16:41 Uhr

Im ersten Verfahren wurde er vergangenes Jahr wegen Mordes verurteilt, jetzt ist er ein freier Mann: Der Angeklagte im Prozess um den Tod der Studentin Hanna aus dem oberbayerischen Aschau ist freigesprochen worden. Am Ende fordert selbst die Staatsanwaltschaft Freispruch - und die Vorsitzende Richterin Heike Will entschuldigt sich mit emotionalen Worten.

Es seien «keine Anhaltspunkte ersichtlich geworden, dass der Angeklagte für den Tod verantwortlich sein könnte», sagt sie. «Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass es im Verlaufe der Ermittlungen zu etlichen fatalen Fehlern gekommen ist». Das müsse an anderer Stelle Konsequenzen haben. 

«Rechtssystem hat Ihnen großes Unrecht zugefügt»

«Dieses Rechtssystem hat Ihnen großes Unrecht zugefügt», sagt Richterin Will an den Angeklagten gewandt und kämpft mit den Tränen. «Als Teil dieses Rechtssystems möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen.» Im Zuschauersaal brandet Applaus auf. 

Die Tränen der Richterin seien «dem Drama, das hier passiert ist, angemessen», sagt Verteidigerin Regina Rick, die auch schon Justizopfer Manfred Genditzki vor Gericht vertreten hat, und fordert Konsequenzen für die Richterin aus dem ersten Verfahren um den mutmaßlichen - oder vermeintlichen - Mord an Hanna und für die Ermittler der Kriminalpolizei in Rosenheim, die «Beweismittel regelrecht unterschlagen» habe. 

Tod nach «Eiskeller»-Party

Hanna war in der Nacht zum 3. Oktober 2022 nach einer Partynacht in der Aschauer Disco «Eiskeller» tot im Fluss Prien entdeckt worden, mit vielen Verletzungen. Einige Wochen später wurde der junge Mann festgenommen und später angeklagt. 

Im März 2024 verurteilte ihn das Landgericht Traunstein wegen Mordes zu einer Jugendstrafe von neun Jahren. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil aber wegen eines Verfahrensfehlers auf, sodass der Fall Ende September neu aufgerollt wurde - und nun zu einem gänzlich anderen Ergebnis kam. 

Gericht nennt Zeugen «unglaubwürdig»

Die Anklage gegen den Deutschen war in den Räumen des Amtsgerichts Laufen, wo das Traunsteiner Landgericht aus Platzgründen verhandelte, regelrecht zusammengefallen. Zeugen, denen gegenüber der inzwischen 23-Jährige die Tat gestanden haben soll, bewertet das Gericht als «unglaubwürdig» - und andere Beweise gegen ihn gab es nicht. «Keine Spuren», sagt Richterin Will. «Es gibt keine Mordwaffe» und «keinen einzigen überzeugungskräftigen Indizienbeweis». 

Will spricht von einem «unerwartet schnellen Prozessende». Ursprünglich waren noch Termine bis kurz vor Weihnachten angesetzt gewesen. Der Prozess habe zwar nicht aufklären können, was mit Hanna geschehen ist, sagt sie. Er habe aber geklärt, dass der Angeklagte nicht verurteilt werden könne. «So unbefriedigend es auch erscheinen mag: Für dieses Verfahren, für dessen Nicht-Schuldspruch ist die Frage, ob es ein Unfallgeschehen oder Fremdverschulden war, nicht mehr von Relevanz.» 

Die Verteidigung war - anders als die Staatsanwaltschaft - von Anfang an davon ausgegangen, dass die Studentin betrunken und ohne Fremdverschulden in den Bach gestürzt und dort ums Leben gekommen war. Die Verletzungen vor allem am Kopf und am Oberkörper zog sich Hanna ihrer Ansicht nach zu, als sie rund zwölf Kilometer im Fluss trieb.

Anwälte fordern Konsequenzen

Der mittlerweile 23 Jahre alte Angeklagte muss laut der Entscheidung des Gerichts für die bisherige Haft entschädigt werden. Seine Anwälte Rick und Yves Georg kündigten in diesem Zusammenhang weitere Prozesse, beispielsweise ein Amtshaftungsverfahren, an. Sie forderten außerdem das Justizministerium und das für die Polizei zuständige Innenministerien auf, Konsequenzen zu ziehen. 

Richterin Will äußert in ihrer Urteilsbegründung auch Verständnis dafür, dass das Ergebnis des Prozesses, der die Frage, wie Hanna zu Tode kam, nicht klären konnte, «unbefriedigend» sei. Sie spricht der Familie der Studentin, die sich im Laufe des Prozesses auch wegen der Arbeitsweise der Verteidigung als Nebenkläger aus dem Verfahren zurückgezogen hatten, «tiefstes Mitgefühl» aus.


Bildnachweis: © Sven Hoppe/dpa
Copyright 2025, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Aktuelle Blitzer im Kreis Heidenheim
Blitzer

Täglich aktualisierte Blitzermeldungen für Heidenheim und Umgebung

weiterlesen...
Hundebesitzer erkennen Schmerzen bei ihren Tieren oft nicht
Aus aller Welt

Viele Hundebesitzer übersehen laut einer Studie Anzeichen von Schmerzen bei ihren Tieren. Erfahrung und Aufklärung sind für das Wohl der Vierbeiner entscheidend. Wie erkennt man Schmerzen beim Hund?

weiterlesen...
Tödlicher Einsatz, kein Mord - Ein Urteil und seine Folgen
Aus aller Welt

Ein Polizist stirbt durch Schüsse aus einer Dienstwaffe. Nun fiel das Urteil - der Angeklagte ist schuldunfähig. Zuschauer äußern sich empört, die Gewerkschaft der Polizei ist «fassungslos».

weiterlesen...

Neueste Artikel

Aktuelle Blitzer im Kreis Heidenheim
Blitzer

Täglich aktualisierte Blitzermeldungen für Heidenheim und Umgebung

weiterlesen...
Backhaus: Wal ist wieder in Bewegung
Aus aller Welt

Es ist ein Kampf gegen die Zeit: Bei sinkendem Wasserstand versuchen Helfer, den erneut im Flachen liegenden Buckelwal dazu zu bringen, in tieferes Wasser zu schwimmen. Am Abend keimt Hoffnung auf.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Backhaus: Wal ist wieder in Bewegung
Aus aller Welt

Es ist ein Kampf gegen die Zeit: Bei sinkendem Wasserstand versuchen Helfer, den erneut im Flachen liegenden Buckelwal dazu zu bringen, in tieferes Wasser zu schwimmen. Am Abend keimt Hoffnung auf.

weiterlesen...
Zürich: Explodierender Schneemann verheißt guten Sommer
Aus aller Welt

Ein Schneemann, ein Feuerwerk und eine Wetterprognose, die selten stimmt: Wie der «Böögg» das Zürcher Sechseläuten zum Spektakel macht und was es mit der Tradition auf sich hat.

weiterlesen...