Der Rausch ist intensiv, aber kurz. Nur wenige Minuten zeigt das Crack seine Wirkung, dann muss schon wieder nachgelegt werden, für den nächsten kurzen Kick. Crack ist Kokain, das mit Natriumkarbonat aufgekocht wurde und in Form von kleinen Steinchen meist in einer Pfeife geraucht wird. Die Droge macht extrem abhängig - und sie breitet sich rasant in Deutschland aus. In Städten wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt ist das kaum zu übersehen. Immer häufiger sieht man Menschen, die sich in Hauseingängen, am Straßenrand oder sogar in U-Bahnhöfen ihre Crackpfeife anzünden. Abhängige, die auf der Straße leben und sich zum Teil in körperlich und psychisch desaströsen Zuständen befinden. Doch auch in anderen Städten nimmt der Crack-Konsum in der offenen Drogenszene zu. An manchen Orten ist Crack inzwischen die meistkonsumierte Droge. Dabei sind Kokain und Crack per se nicht neu. Wieso greift Crack gerade jetzt so um sich und was für Folgen hat das? «Wir sehen weltweit ein stark gestiegenes Angebot an Kokain und das betrifft auch Deutschland», erklärt die Leiterin der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, Esther Neumeier. In den vergangenen Jahren habe sich die Herstellung von Kokain weltweit vervielfacht. Ein Beispiel, das das verdeutlicht: Laut der Drogenagentur der Europäischen Union wurden in Europa 2010 58,4 Tonnen Kokain sichergestellt. 2020 waren es 214,6 Tonnen. Das ist mehr als dreimal so viel. «Weil es ein so großes Angebot an Kokain gibt, ist es für Verkäufer attraktiv, neue Zielgruppen zu erschließen», sagt Neumeier. In der offenen Drogenszene würden sie fündig. Für die zum Teil schwer abhängigen Menschen sei die Wirkung von dem nasal konsumierten Kokain nicht attraktiv. Crack aber funktioniere. «Crack erzeugt einen extrem schnell einsetzenden, höchst intensiven, dafür aber auch sehr kurzen Rausch.» In der Allgemeinbevölkerung spiele Crack keine Rolle. Wie sehr der Konsum gestiegen ist, verdeutlicht ein Beispiel aus Berlin: In zwei Berliner Drogenkonsumräumen des Trägers Vista machte Crack im Jahr 2022 nur 3,5 Prozent der Konsumvorgänge aus. 2024 waren es schon 30 Prozent, dieses Jahr ist der Anteil erneut deutlich gestiegen, wie Fachbereichsleitung Augustine Reppe berichtet. Das Frankfurter Bahnhofviertel sei schon immer eine Crack-Hochburg gewesen, sagt Neumeier. Auch der Leopoldplatz in Berlin oder der Hamburger Stadtteil St. Georg sind bekannte Drogenhotspots. Doch seit einigen Jahren kämen neue Städte dazu, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. Dort sei Crack bis vor einigen Jahren kein Thema gewesen, so die Psychotherapeutin. Jetzt schon. «Seit Anfang der 2020er-Jahre sehen wir den Anteil der Crack-Konsumenten in der offenen Szene deutlich steigen», erklärt Neumeier mit Blick auf NRW. In manchen Städten des Bundeslandes sei Crack in der offenen Szene inzwischen die meistgebrauchte Droge. Typischerweise werde es von Menschen aus der offenen Drogenszene konsumiert, Personen, die auch schon vorher hochriskant Drogen konsumiert hätten. «Beim Crack-Rauchen entsteht eine Euphorie. Man fühlt sich leistungsfähig, man hat ein hohes Selbstvertrauen, wird redselig, hat weniger Hemmungen, weniger Ängste und eine hohe Risikobereitschaft.» Auch andere anregende Drogen hätten diesen Effekt, bei Crack sei er aber extrem stark. Das Runterkommen danach werde als sehr unangenehmem und abrupt beschrieben, erklärt Neumeier. Das Verlangen, erneut zu konsumieren - auch Craving genannt -, sei extrem stark, dadurch entstehe ein schneller Kreislauf des Konsums. Er bereue es heute noch, dass er Crack unbedingt probieren wollte, sagt ein Mann im Frankfurter Bahnhofsviertel der Deutschen Presse-Agentur. Man verliert alles, betont er. «Am Anfang ist es dein Geld, dann deine Wertsachen, dann riskierst du deinen Job.» Man mache vieles, um den nächsten Konsum finanzieren zu können. «Das habe ich bei Heroin nicht gemacht. Aber beim Crack dann», sagt er. 250 bis 300 Euro koste sein Konsum am Tag. 2024 starben in der Mainmetropole 20 Menschen in Zusammenhang mit ihrer Suchterkrankung. In Hamburg waren es 102, in Berlin 294 - so viele wie noch nie. Bundesweit wurden 2.137 Drogentote registriert. Häufig sind mehrere Drogen im Spiel, auch Crack. Die Zahl der Drogentoten geht seit Jahren tendenziell nach oben. Auch wenn der Konsum nicht tödlich endet, sind die Folgen für Crack-Abhängige meist verheerend. Manche konsumieren quasi ununterbrochen, schlafen tagelang nicht, essen nicht, trinken nicht, waschen sich nicht. «Das führt zu einer extrem schnellen Verelendung», sagt Neumeier. Die Lebenserwartung sei extrem verringert. Eigentlich habe Deutschland ein gutes Hilfesystem. Doch bei schwerst Crack-Abhängigen sei es extrem herausfordernd, sie dauerhaft an die Suchthilfe zu binden. Arthur Coffin vom Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin sagt: «Bei Crack braucht man niedrigschwellige Angebote.» Termine einzuhalten, etwa für ein Beratungsgespräch, sei für Betroffene extrem schwierig. Deshalb müsse man die Menschen direkt aufsuchen und sie vor Ort betreuen, mit sauberen Utensilien oder Essen. Es gehe auch darum, die Nachbarschaft zu entlasten. In Berlin sei die Droge inzwischen weiter verbreitet als Heroin und andere Opioide. Im Neuköllner Schillerkiez in Berlin sitzen die Menschen in den Hauseingängen, beugen sich über ihre Alufolien, haben teils offene Wunden. Eine Anwohnerinitiative hat deshalb Alarm geschlagen und einen offenen Brief veröffentlicht. Sie sagen: Unsere Kinder können nicht mehr unbeschwert draußen spielen. In 8 von 16 Bundesländern gibt es laut Neumeier Drogenkonsumräume. Alle böten inzwischen Rauchplätze an. In den meisten dürfe auch Crack konsumiert werden. Warum gehen die Konsumentinnen und Konsumenten nicht dort hin? «Die Entzugssymptome sind so stark, dass es unmittelbar und gleich und jetzt passieren muss», erklärt Reppe von Vista. Die Mitarbeiter machen in Gesprächen klar, dass nicht im Umfeld konsumiert werden soll. «Das wissen die Konsumierenden auch, aber sie schaffen es nicht immer.» Crack-Süchtige würden sehr stigmatisiert, es gebe wenige Räume, in denen sie sich aufhalten könnten und dürften. Wie kann man den Menschen besser helfen und auch die Wohnviertel entlasten? Ein Substitutionsmittel, wie Methadon für Heroin, gibt es nicht. Es brauche mehr Personal, am besten eigentlich ein 24-Stunden-Angebot für Süchtige und mehr Orte, an denen Abhängige sich aufhalten können, sagt Coffin. Mehr Konsumräume seien ebenfalls eine Maßnahme, sagt Reppe. Auch ein Blick in die Schweiz könnte helfen. Das Land gilt als Vorbild für eine liberale Drogenpolitik. In Genf etwa sind neuerdings auch Mediziner auf der Straße unterwegs, weil viele Crack-Konsumierende wegen ihres hektischen Konsums Termine in Einrichtungen nicht mehr einhalten, wie Frank Zobel, stellvertretender Leiter von Sucht Schweiz, sagt. «Das ist ein Schlüsselelement: auf die Leute zugehen, nicht warten, dass sie kommen.» In der Deutschschweiz werde zudem in den Kontakt- und Anlaufstellen der Handel mit kleinsten Mengen zugelassen. «So bringt man den Markt aus dem öffentlichen Raum nach drinnen.» Ein Wundermittel gefunden habe bislang aber noch niemand.«Crack knallt mehr als Kokain»
Immer mehr Städte haben einen Crack-Markt
Das Craving ist bei Crack sehr hoch
2.137 Drogentote
So verheerend ist der Konsum
Anwohner fühlen sich unwohl
Welche Lösungsansätze es gibt
Bildnachweis: © Boris Roessler/dpa
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Elend in den Großstädten - Warum Crack sich rasch ausbreitet
In vielen deutschen Großstädten ist es kaum zu übersehen: Der Crack-Konsum in der offenen Drogenszene ist stark gestiegen. Das führt zu enormen Problemen, nicht nur für Abhängige.
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