Rosella Mercuri rollt gekonnt den Nudelteig aus, immer und immer wieder, bis er so dünn ist, dass man durchschauen kann. «Ich mache alles selbst», sagt die 68-jährige Italienerin. «Schon immer.» Sie gibt gerade einen Kochkurs: «Nudeln machen mit Oma» heißt er und zieht Touristen an, die in Rom von «Nonna Rosi» lernen wollen. Der Lebensstil von italienischen Omas ist gerade beliebt. Auf sozialen Netzwerken wie Instagram und TikTok trendet der Begriff «Nonna Maxxing» (auch Nonnamaxxing geschrieben) - also «Oma-Maximierung». Es geht darum, das eigene Leben möglichst so zu gestalten wie das einer italienischen Oma (einer Nonna). Gerade junge Frauen posten viel dazu. Eine Nutzerin schreibt etwa «forget hot girl summer, I want happy italian nonna summer» (Vergessen wir den Hot-Girl-Sommer-Trend, ich will den Sommer einer glücklichen italienischen Oma). Wieso ist es plötzlich cool, wie eine 70-Jährige zu leben? Friederike Herrmann ist Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft Doch die romantische Vorstellung des Dolce Vita geht oft an der Realität vorbei. Das Leben von Mercuri, wie auch von vielen anderen Frauen ihrer Generation, war und ist alles andere als entspannt. Einfach mal nichts tun war für sie nicht drin: Schon als Jugendliche war sie Erntehelferin, hat Trauben, Pfirsiche und Oliven gepflückt. Danach bekam sie einen Job in einem Obstladen, dann in einer Pilzhandlung. Von Job zu Job lebte sie. Die Arbeitszeiten überschritten oftmals zwölf Stunden am Tag. «Ich habe einen Haufen Jobs gemacht, sehr viel gearbeitet», sagt Mercuri. «Aber mich hat das nicht ermüdet.» Mercuri hält sich beschäftigt. «Ich mache alles Mögliche.» Sie sei gerne unter Menschen. Deshalb steht sie auch jetzt, im Alter von 68 noch in der Küche und werkelt - sei es zu Hause oder im Colleggio Bistrot vor Touristen. Die vermeintliche Gelassenheit der italienischen Omas kann Mercuri bestätigen. «Die Erfahrung macht viel.» Früher habe sie sich zu viele Sorgen gemacht und sich weniger getraut, alles in sich hineingefressen. «Heute sage ich, was ich denke.» Man müsse sich von der Seele reden, was einen beschäftigt. Sie sieht die Vorteile des Alters. Deshalb freut sich Mercuri auch über den Trend: Junge Leute sollten ruhig etwas mehr wie die Nonna leben, öfter mal das Handy weglegen. «Heutzutage chatten immer alle nur noch. Damit kann ich nichts anfangen. Ich will die Menschen sehen und ihre Stimmen hören.» Früher, in Rosis Dorf, musste man nur vor die Tür gehen und schon waren da Freundinnen. «Es war alles viel familiärer.» In der Stadt sei das aber schwieriger. Dennoch, Rosi geht auf die Leute zu. «In meinem Wohnhaus kennen mich alle.» Mercuris Ratschlag an junge Menschen: «Na ja, ich würde sagen, man sollte im Grunde alles von der Oma lernen, denn im Leben weiß man ja nie, ob man Arbeit hat oder nicht, ob man Geld verdient oder nicht.» Sie habe von klein auf gelernt, in allem etwas Nützliches zu sehen. «Ich werfe nie etwas weg.» Aus überschüssigem Obst wird Marmelade, die Auberginen, die nicht mehr ganz so knackig sind, werden paniert und gebraten, aus der übriggebliebenen Karotte macht sie Brühe. Bei Mercuri ist diese Art zu denken und zu leben aus einer Notwendigkeit geboren: «Wenn man alles kann, reicht einem auch ein kleiner Job, bei dem man wenig verdient.» Bei den jungen Frauen, die dem Vorbild der Nonna nacheiferten, gehe das unter, meint Herrmann. «Aus feministischer Perspektive muss man einwenden, dass hier einmal mehr die Arbeit von Frauen unsichtbar bleibt, nicht als Arbeit wahrgenommen wird. Hausarbeit, Kochen und Fürsorge waren und sind für viele Frauen keine entspannenden Hobbys, sondern unbezahlte und harte Arbeit. Ökonomische Abhängigkeit und Rechtlosigkeit verschwinden aus diesem Bild.» Es störe sie, «dass dieser Trend anscheinend vor allem von jungen Frauen aufgenommen wird und an ein sehr traditionelles Weiblichkeitsbild anknüpft, dessen problematische Seiten ausgeblendet bleiben». Mercuri sagt, sie habe gelernt, alles selbst zu können, gerade, damit sie sich ihre Unabhängigkeit erhalte. Für sie ist ihr Lebensstil freilich kein Trend. Doch sie ist zufrieden: «Ich würde nichts ändern.»
an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Sie sagt: «Ich würde Nonna-Maxxing zunächst als Gegenentwurf zu den Vorstellungen von Selbstoptimierung und Sichtbarkeit verstehen, die insbesondere auf Social Media transportiert werden.» Allerdings lasse sich der Trend auch als ein seit Generationen vertrautes Muster verstehen: «Die Sehnsucht nach dem einfachen und nicht entfremdeten Leben, als Alternative zu Kapitalismus und Leistungsgesellschaft.»Von wegen Entspannung: «Ich habe einen Haufen Jobs gemacht»
An der Zufriedenheit ist etwas dran
«Früher war man nie alleine»
Ratschlag an junge Menschen
Der Oma-Trend: emanzipiert oder rückständig?
Bildnachweis: © Malin Wunderlich/dpa
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Leben wie Oma in Italien - Was sagt eine «Nonna» zum Trend?
Im Garten eigenes Gemüse ernten und damit kochen, zu Hause lesen, stricken, entspannen anstatt Party oder Karriere: Auf Social Media trendet der Oma-Lifestyle. Wieso? Und wie realitätsnah ist das?
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