Wie kann ein Wohngebäude plötzlich in sich zusammenfallen und so zu einer Todesfalle werden? Nach dem dramatischen Hauseinsturz in Görlitz mit drei Toten sucht die Polizei nach der Ursache des Unglücks. Die Ermittlungen vor Ort gestalten sich allerdings schwierig: Die Kriminaltechniker hätten ihre Arbeit in den Nachtstunden unterbrechen müssen, weil sich die Reste der Giebelwände in Bewegung gesetzt hätten, sagte Raik Schulze, Leiter des Führungsstabes der Polizei, am Morgen in Görlitz. «Dank der Technik des Technischen Hilfswerkes (THW) konnten wir unsere Einsatzkräfte rechtzeitig in Sicherheit bringen», sagte er. Die Spezialisten hatten bereits zu Beginn des Einsatzes Sensoren an die Giebelwände geklebt, um die Helfer vor einem möglichen Einsturz zu warnen. Derzeit gehe es darum, die Gefahr zu beseitigen, damit die Untersuchungen am Unglücksort fortgesetzt werden können, so Schulze. Zur Unglücksursache konnte die Polizei vorerst keine Angaben machen. Es werde in alle Richtungen ermittelt, sagte Schulze. «Wir schließen nichts aus.» Es gehe vom Materialversagen über eine technische Ursache bis hin zu fahrlässiger Handlungsweise. «Da stehen wir noch am Anfang.» Einen dringenden Tatverdacht habe die Polizei zurzeit nicht. Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) vermutete nach dem Unglück eine Gasexplosion. Nach vorherigen Angaben muss es ein Gasleck gegeben haben, da während des Einsatzes Gas ausgetreten war. Wo genau das Gasleck war, lasse sich noch nicht genau sagen, so Schulze. Das Mehrfamilienhaus mit Miet- und Ferienwohnungen war am Montagabend komplett eingestürzt. Es befand sich mitten in einer langen gepflegten Häuserzeile. Der Rettungseinsatz wurde am Donnerstagabend nach etwa 72 Stunden beendet, nun ist die Einsatzstelle in Händen der Polizei. Unermüdlich hatten Hunderte Einsatzkräfte im Dauereinsatz in dem großen Trümmerhaufen nach drei Vermissten gesucht. Ab Montagabend bis Donnerstagabend waren dauerhaft mehr als 130 Kräfte vor Ort, wie Anja Weigel, Leiterin der Feuerwehr Görlitz, sagte. Insgesamt waren demnach zwischen 500 und 1.000 Menschen beteiligt. Teils arbeiteten sie sich mit Schaufeln und bloßen Händen durch den Schutt. Auch Spürhunde suchten mit. Beim Bergen von Trümmerteilen waren auch mehrere Radlader, Bagger und Kräne im Einsatz. Um die Angehörigen zu betreuen, waren Notfallseelsorger sowie ein rumänischer Pfarrer aus Dresden und ein rumänisch-ukrainischer Pfarrer aus Zittau an der Unglücksstelle. Sie kümmerten sich unter anderem um einen Rumänen, dessen Verlobte und Cousine in dem Haus waren, als es einstürzte. Die drei wollten in Görlitz Urlaub machen. Das Unglück geschah, als er einkaufen war, wie der Mann erzählte. Am Donnerstag gab es für ihn traurige Gewissheit: Die Leiche einer 25 Jahre alten Rumänin wurde in der Nacht gefunden, einige Stunden später auch eine tote 26-Jährige. Am frühen Abend dann entdeckten die Suchteams eine dritte Leiche. Es handle sich um einen Mann, mit hoher Wahrscheinlichkeit um den vermissten 48-Jährigen mit bulgarischer und deutscher Staatsangehörigkeit, sagte der Polizeisprecher. Er hielt sich früheren Angaben zufolge aus beruflichen Gründen in Görlitz auf. Die Toten werden nun in der Rechtsmedizin untersucht. Dabei wird unter anderem die Todesursache festgestellt. Erste Ergebnisse erwartet die Polizei am Dienstag oder Mittwoch. Die Angehörigen seien zunächst abgereist, erklärte Oberbürgermeister Ursu. Ein Gedenken ist nach Angaben des CDU-Politikers vorerst nicht geplant. Von den Rettungskräften sei der dringende Wunsch nach Ruhe und Erholung über die Pfingsttage gekommen. Er wolle die Kirchen aber um Fürbitten während der Pfingstgottesdienste bitten, sagte Ursu. Über ein späteres Gedenken wolle man später gemeinsam entscheiden. Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands. Sie liegt in der sächsischen Oberlausitz direkt an der Neiße und hat 57.000 Einwohner. Seit 1998 bildet Görlitz zusammen mit der östlich gelegenen polnischen Nachbarstadt Zgorzelec eine grenzüberschreitende Europastadt. Wegen der historischen, im Zweiten Weltkrieg nahezu unzerstörten Altstadt ist die Stadt ein gefragter Drehort für internationale Filmproduktionen. Das eingestürzte Gründerzeithaus stand in der James-von-Moltke-Straße in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs. Der Bereich um das Haus wurde nach dem Einsturz weiträumig evakuiert und abgesperrt.Ermittelt wird in alle Richtungen
Rettungseinsatz dauerte 72 Stunden
Haus stürzte ein, als Angehöriger beim Einkaufen war
Ergebnisse aus Rechtsmedizin in kommender Woche erwartet
Östlichste Stadt Deutschlands
Bildnachweis: © Sebastian Kahnert/dpa
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